24. Dezember 2012

[Kurzgeschichte] (Un)Weihnachten

Es sind 20 Grad draußen. Es ist dunkel, die Nacht ist ziemlich klar, fast keine Wolke am Himmel, dafür ist es verdammt windig. aber die Luft ist warm. Man kann im T-Shirt nach draußen und friert nicht. Man merkt es. Wir haben Dezember, es ist Heiligabend.
Normalerweise gehen die Leute um diese Jahreszeit nicht vor die Tür, weil es so kalt ist, die Straßen glatt sind, Schnee liegt, was auch immer - wenn man davon absieht, dass es für den ein oder anderen auch noch so etwas wie Besinnlichkeit gibt. Im Moment könnte man gut und gerne im Bikini vor dem Pool liegen - nicht auf den Bahamas, sondern vor der eigenen Haustür - gesetzt der Annehme, man hat einen Pool. Aber Weihnachtsgrillen - das wäre doch was.
Wir haben ein typisches Bild vor Augen, wenn wir an Weihnachten denken. Draußen Schnee und Eis, drinnen Geschenke, pardon, Feuer im Kamin. Temperaturunterschied zwischen draußen und drinnen: 40 Grad. Gerade haben wir Kunstschnee höchstens auf Weihnachtsbäumen, Tannenzweigen oder Fensterscheiben, Eis dafür in der Cola oder im Whisky. Wenn wir Pech haben, dann fängt draußen an der Wald zu brennen, aber immerhin kann man da noch die ungeliebten Geschenke entsorgen. Temperaturunterschied: 5 Grad. Maximal. Aber Jesus wurde schließlich ursprünglich im Sommer geboren, vielleicht passen die Temperaturen dieses Mal ja endlich.
Weihnachten. Weiße Weihnachten. Für uns ist Weihnachten doch nur wirklich Weihnachten, wenn Schnee liegt. Die Gesellschaft fordert Petrus geschlossen und tatsächlich freiwillig und bewusst zu heillosem Winterchaos auf, aber hat dieses Mal offenbar den Kaffee auf, aber so richtig. Vorher regen wir uns über Glatteis und 20 cm Schneedecken auf, hinterher über Glatteis und Tauwetter, aber pünktlich zu Weihnachten hat das weiße Wunderwerk eine Daseinsberechtigung, aber dann bitte sofort und in Massen. Weihnachten ohne Schnee - undenkbar. Und ansonsten haben wir ja keine Probleme.
Kommt es wirklich so auf das winterliche Wetter an? Ist Weihnachten nur dann Weihnachten, wenn es schneit? Und wenn, was ist das denn jetzt bitte? Unweihnachten? Anti-Weihnachten? Weihnachten-aber-da-fehlt-was?
Es kommt doch gar nicht so sehr auf den Schnee an. Es heißt doch Fest der Liebe und nicht Fest des Schnees. Weihnachten hat seinen Schwerpunkt nicht beim Wetter. Weihnachten ist eine Zeit, die man mit denen verbringen sollte, die man liebt. Weihnachten ist Ruhe finden, die Augen schließen, durchatmen und für einen Moment die Welt vergessen. Weihnachten ist Weltfrieden oder wenigstens der Wunsch danach. Weihnachten ist Friede, Freude, Eierkuchen.
Und wir? Wir haben Stress. Wie streiten uns wegen Kleinigkeiten, lassen uns blenden von Konsum, Gier und der Hoffnung auf Umtauschgarantien, regen uns auf über schiefstehende Weihnachtsbäume, falsche Dekoration und eben fehlenden Schnee.
Wir machen uns unser Unweihnachten selbst.

[In diesem Sinne wünsche ich euch ein frohes Weihnachtsfest, ganz ohne Krach und Streit. Vergesst nicht, dass es nicht nur um Geschenke geht, sondern um ganz viel mehr. Euer Siliel.]

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